Zukunftsoffenheit als Haltung: Delphi, Nischenthemen und der Blick ins Jahr 2100
In dieser Folge sprechen wir mit einer der renommiertesten Expertinnen für Zukunftsforschung und Delphi-Methodik in Deutschland: Frau Prof.'in Dr. Kerstin Cuhls. Gemeinsam tauchen wir tief ein in die Welt der Expertenbefragungen, Zukunftsprozesse und partizipativen Foresight-Methoden. Ausgangspunkt ist die steile These: Die Delphi-Methode ist nicht mehr zeitgemäß – in einer Welt voller Unsicherheiten und disruptiver Innovationen bräuchten wir flexiblere, datengetriebene Zukunftsprognosen statt Expertenmeinungen. Kerstin Cuhls nimmt diese These souverän auseinander und zeigt, warum sie sich selbst widerspricht.
Kerstin Cuhls gibt uns einen faszinierenden Einblick in ihren Werdegang – von Japan-Studien und frühen Begegnungen mit Klimathemen bis hin zu ihrer Arbeit am Fraunhofer ISI und der engen Kooperation mit dem japanischen Nationalen Institut für Wissenschafts- und Technologiepolitik (NISTEP). Wir erfahren, wie Japan die Delphi-Methode über Jahrzehnte konsequent weiterentwickelt hat – und warum selbst dieses Modell heute auf der Kippe steht.
Im Zentrum der Diskussion steht die Frage, wie Delphi-Studien in der Praxis wirklich funktionieren: von der zentralen Bedeutung der Thesenentwicklung über die Kombination mit Workshops, Visioning und Szenariotechnik bis hin zur Nutzung von Roadmaps als strategisches Kommunikationswerkzeug. Wir diskutieren, welche Rolle KI und datengetriebene Methoden in der modernen Zukunftsforschung spielen – und wo ihre klaren Grenzen liegen, etwa beim Aufspüren von Nischenthemen jenseits des Mainstreams. Besonderes Gewicht legt Kerstin Cuhls auf die Bedeutung von Laien – oder, wie sie es nennt, „Alltagsexperten" – als unverzichtbares Korrektiv in partizipativen Zukunftsprozessen. Darüber hinaus beleuchten wir zwei unterschätzte Megathemen, denen sie mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit wünscht: zirkadiane Rhythmen und die mentale Gesundheit im digitalen Zeitalter. In einer kurzweiligen Schnellfragerunde gewährt Kerstin Kuhls persönliche Einblicke – von runden Smartphones über das Beamen bis hin zu Ramen und einer Zeitreise ins Jahr 2100 nach Japan.
Die Folge schließt mit einem klaren Appell: Zukunftsoffenheit ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine Haltung, die man trainieren kann – durch Perspektivwechsel, Methodenvielfalt und den Mut, zwischen fundierten Annahmen und reiner Vorstellungskraft sauber zu unterscheiden.
Interviewpartner Prof.'in Dr. Kerstin Cuhls
Host der Folge ist Prof. Dr.-Ing. habil. Volker Grienitz
Bücher von Kerstin Cuhls
- Technikvorausschau in Japan. Ein Rückblick auf 30 Jahre Delphi-Expertenbefragungen, Cuhls, K. (1998). Heidelberg: Physica-Verlag, Dissertation
- Delphi-Befragungen in der Zukunftsforschung (Cuhls, K. 2009) - In: Popp, R. & Schüll, E. (Hg.): Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung - DOI: 10.1007/978-3-540-78564-4_15
- Die Delphi-Methode – eine Einführung (Cuhls, K. 2019). In: Niederberger, M. & Renn, O. (Hg.): Delphi-Verfahren in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften - DOI: 10.1007/978-3-658-21657-3_1
- Real-Time Delphi in practice – A comparative analysis of existing software-based tools (Aengenheyster, S.; Cuhls, K.; Gerhold, L.; Heiskanen-Schüttler, M.; Huck, J.; Muszynska, M. 2017). In: Technological Forecasting and Social Change - DOI: 10.1016/j.techfore.2017.01.023
- Argumentative Delphi Surveys: Lessons for Sociological Research (Cuhls, K. 2023). In: The American Sociologist - DOI: 10.1007/s12108-023-09596-x
